Gute Abteilungskulturen machen das Aussergewöhnliche möglich


Monika Mannhart, Vorstandsmitglied Alumni BZ Pflege

Als Lehrperson im Bereich Weiterbildung absolviere ich ab und zu ein Praktikum auf einer Pflegeabteilung. Kürzlich konnte ich auf einer ganz besonderen Abteilung im Langzeitbereich mitarbeiten, in einem Team, auf das alle Kriterien eines «High Performance Teams» gemäss Ricci & Wiese (2016) zutreffen. Nachfolgend eine kleine Auswahl dieser wichtigen Kriterien, die den Unterschied ausmachen (aus dem Englischen übersetzt durch die Autorin):

  • Vertrauensvoller Umgang untereinander und in Bezug auf den Zweck der Teamarbeit.

  • Es wird umfangreich diskutiert. So erhalten alle eine Chance, ihren Beitrag zum Team zu leisten, auch die introvertierten Mitarbeitenden.

  • Uneinigkeit wird als eine «gute Sache» betrachtet, und Konflikte werden gemanagt. Kritik wird konstruktiv angebracht, Problemlösungen werden avisiert, Hindernisse beseitigt.

  • Das Team trifft Entscheidungen, wenn es Übereinstimmung gefunden hat, bei schwer fassbaren Themen entscheidet der/die Teamleader/in.

  • Jedes Teammitglied übernimmt die Verantwortung für die eigene Arbeit (Eigenverantwortung) und respektiert den Teamprozess und die anderen Teammitglieder.


Eine von A bis Z beeindruckende Teamleistung

Mein erster Eindruck beim Praktikumsbesuch vermittelte mir ein Team, das ruhig und konzentriert mit mehreren hoch komplexen Pflegesituationen beschäftigt war. Ich sah einen Skill- und Grade-Mix, der keine Wünsche offen liess.


Eine Pflegefachfrau HF diskutierte mit einer Fachfrau Gesundheit, wie man einen Verband auf einer pergamentartigen Haut noch besser fixieren könnte, ohne Hautverlust beim Entfernen zu riskieren. Sie wogen Pro und Contra sorgfältig ab, entwickelten drei mögliche Lösungswege, priorisierten einen davon, erstellten eine Skizze und überprüften verschiedene Verbandsmaterialien auf ihre Klebefestigkeit. Gemeinsam erstellten sie ein Wundprotokoll und eine individuelle Pflegeplanung.


Daneben kontrollierte eine Fachfrau Gesundheit konzentriert und speditiv Medikamente für über 30 Bewohnerinnen und Bewohner. Eine lernende Fachfrau Gesundheit mahnte zur Ruhe, damit sie bei der Kontrolle nicht gestört werde. Eine Berufsbildnerin erklärte einem Lernenden, was er bei einem Bewohner der Marcoumar nehmen muss beobachten und dokumentieren soll. Dann wurde gemeinsam ein Hämatom nach einem Sturz begutachtet und beurteilt. Aus einer Fallbesprechung über einen Bewohner mit einer wahnhaften Störung wurde eine Fragestellung abgeleitet und an die ANP weitergeleitet. Eine Assistentin Gesundheit und Soziales weinte, weil Frau M. verstorben war und sie in den letzten Tagen viel Zeit mit ihr verbracht hatte. Sie bekam Trost und eine Auszeit in der Küche. An der Wand hing ein Zitat von Unbekannt: «Ich lerne, ich reflektiere, ich reife!».


Die Fachfrau Gesundheit in der Tagesverantwortung lobte, gab Feedback, forderte ein, rügte, half, wo es Unterstützung brauchte, disponierte einen Eintritt, regte den Perspektivenwechsel an, motivierte zur Höchstleistung. Das ging so schnell, ich konnte auch mit ganz viel Achtsamkeit kaum folgen.


Ich war und bin beeindruckt, ja stolz, zu dieser Berufsgruppe zu gehören. Keine patriarchalen Strukturen, kein Titelgerangel, sondern geteilte Leadership-Kompetenzen mit klaren Feedback-Schlaufen. Trotz Zeitmangel, Ökonomisierungsdruck und viel, viel Arbeit wird in diesem Team mit hoher Ausdauer, Engagement und Enthusiasmus fast Unmenschliches geleistet. Lernsituationen werden ermöglicht und Mitarbeitende werden ermutigt, die nächsten Entwicklungsschritte zu tun. Es findet viel Empowerment durch eine offene Kommunikation statt. Genau diese wertschätzende, einfühlsame Pflegekultur ist es, die permanente Veränderungsprozesse aus dem Umfeld für ein Team annehmbar und bewältigbar machen.


«The Spirit of Nursing»

Ich tauchte für drei Tage in das Leben des «High Performance Teams» ein und fragte mich: Wie gelingt es einem Team, eine so fundierte Sicherheit im täglichen Handeln auszustrahlen? Wie lässt sich diese Atmosphäre am besten beschreiben? Als professionell empathisch? Oder einfach als respektvoll im Umgangston, voller Achtsamkeit und Würde? Welche Regeln, Werte und Normen prägen diese tolle Abteilungskultur? Und wie kann ich solche Werte meinen Studierenden mitgeben? Wären Training und Transferübungen die richtige Wahl?


Eines ist klar: Hier dreht sich alles um die Bewohnerinnen und Bewohner, um ihr Wohlergehen, um ihre Lebensqualität, um ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse. So möchte ich irgendwann gepflegt werden. Und ja, in diesem Team möchte ich sofort mitpflegen. Uns verbindet eine Berufsethik, mich als Lehrperson und diese mir nicht bekannten Pflegenden, die hier tagtäglich Höchstleistungen für die ihnen anvertrauten Bewohnerinnen und Bewohner erbringen. Unser gemeinsames Gut ist eine Pflegeethik, die sich mit der kritischen Reflexion pflegerischen Handelns beschäftigt. Unsichtbar, schlicht, «the spirit of nursing» – als ob dies das Normalste der Welt wäre. Wow, so unendlich wertvoll für unsere Gesellschaft!


Setzen wir uns gemeinsam für gute Abteilungskulturen ein!

Als Lehrperson im Gesundheitswesen habe ich die Möglichkeit, die Studierenden für das Thema «Abteilungskulturen» zu sensibilisieren. Sind nicht gerade unsere Studierenden aus der Weiterbildung Vorbilder und Multiplikatorinnen auf den Pflegeabteilungen? Sie pflegen, sie bilden aus, sie managen, sie forschen, sie erschaffen Entwicklungsmöglichkeiten für Teammitglieder, sie engagieren sich für Teambildungsprozesse und teilen sich Leadership-Kompetenzen.


Persönlich ist es mir wichtig, Spuren zu hinterlassen in diesem Leben, Vorbild zu sein, Entwicklungsarbeit zu leisten. Ich bin stolz, eine Pflegende zu sein. Lasst uns Rahmenbedingungen einfordern, die für gute Abteilungs- bzw. Pflegekulturen in der Langzeitpflege unabdingbar sind. Lasst uns unsere Werte leben! Lasst uns täglich gemeinsam von Neuem als «High Performance Teams» Abteilungskulturen erschaffen, wo das Aussergewöhnliche möglich wird: Gute Pflege für die Bewohnerinnen und Bewohner, die uns anvertraut sind. Denn das ist unser gemeinsames Ziel. Dafür stehen wir mit grosser Ausdauer ein, hierzu bilden wir uns aus und weiter.


Monika Mannhart

Dipl. Gesundheits- und Pflegexpertin FH

Lehrperson Fachbereich Weiterbildung

Vorstandsmitglied Alumni BZ Pflege

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