Interview-Trilogie: «Mehrfachbelastung und Pflegeberuf»

Drei Pflege-Expertinnen – sieben unterschiedliche berufliche und private Tätigkeiten. Wie die drei Frauen im Alltag geschickt mit Doppelanstellung und/oder Familie umgehen und alles unter einen Hut bringen, erzählen sie der ALUMNI-Redaktion im Interview. Im zweiten Interview geht es um die «Doppelrolle Mutterschaft und Pflegeberuf».


Viola Branch, 36 Jahre alt, hat Ende 2019 das NDS Intensivpflege und zuvor die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF abgeschlossen – beides am Bildungszentrum Pflege. Seit dem Abschluss arbeitet sie auf der Intensivstation des Inselspitals. Sie ist aber auch Mutter einer 15-monatigen Tochter. Nach einer kurzen Babypause ist Viola nun wieder mitten im Pflegegeschehen. Wie sie Baby und 70%-Pensum in der Intensivpflege geschickt vereinbart, erzählt sie der Alumni-Redaktion im Interview.


ALUMNI-Redaktion: Welche Voraussetzungen brauchst du, um Mutterrolle und Pflegeberuf nebeneinander auszuüben und dabei beiden gerecht zu werden? Welchen organisatorischen Herausforderungen begegnest du in dieser Doppelrolle?

Viola: Ein Kleinkind wie Leandra braucht 24-Stunden-Betreuung. Deshalb ist es so wichtig, die Fremdbetreuung auf verschiedene Personen und Stellen verteilen zu können. Bei uns sind das die Kita, die sehr flexiblen Grosseltern, weitere Verwandte sowie mein Partner. Weil ich auch an Wochenenden und in Schichten arbeite, können mein Partner und ich uns die Kinderbetreuung teilen. Mein Arbeitgeber, genauer gesagt die Stationsplanung, kommt mir und generell uns Müttern bei der Einsatzplanung sehr entgegen. Unser Team ist flexibel und sehr offen, was die Berücksichtigung der verschiedenen Anliegen und Wünsche betrifft.

Sehr herausfordernd für mich in der aktuellen Situation ist das Thema «Work-Life-Balance». Nebst Familie und Job versuche ich dazwischen etwas Zeit für mich zu beanspruchen, um andere Mütter und Freunde zu treffen oder Yoga zu praktizieren. Allerdings ist es immer noch ein schwieriges Unterfangen, diese Inseln der Musse auch wirklich umsetzen zu können.

Wie erlebst du die Umstellung auf deine jeweilige Rolle? Wie gelingt es dir, dich jeweils von der anderen abzugrenzen? Sowohl die Mutterrolle als auch meine Tätigkeit in der Intensivpflege sind für mich sehr anspruchsvoll und vereinnahmend. Bin ich in einer Rolle drin, hänge ich in Gedanken nicht der anderen nach. Im Gegensatz zu früher kann ich mich heute zu Hause besser von der Arbeit abgrenzen. Ein Kind verlangt die volle Aufmerksamkeit. Anders als früher erlebe ich meine Emotionalität: Als Mutter ist mir das Thema «Verletzlichkeit» im Leben viel bewusster geworden. Vielleicht hängt es mit meinem Beruf zusammen, und es ist schon fast eine «Berufskrankheit», dass ich mir sofort alle möglichen Szenarien vorstelle, wenn mein Kind oder jemand in meinem Umfeld erkrankt.


Welche Vorteile siehst du aufgrund deiner Doppelrolle für dich und deine Tochter?

Dass Leandra schon von ganz klein auf unterschiedliche Lebenskonzepte erlebt und verschiedene Bezugspersonen hat, erachte ich als Chance für ihr späteres Leben. Auch dass wir Leandra als Mutter und Vater in ähnlichem Umfang betreuen, ist eine schöne Voraussetzung für uns alle als Familie. Ich möchte meiner Tochter darin ein Vorbild sein.


Kannst du künftigen Müttern, welche in der Pflege tätig sind, Tipps mitgeben?

Kurze Wege zwischen Wohnung, Kita oder betreuenden Personen sind das A und O. Wir haben das Glück, die Kita ganz in der Nähe unserer Wohnung zu haben. Das erlaubt mir, auch für kurze Zeit nach Hause zu gehen und vom Arbeitsalltag Abstand zu gewinnen, bevor ich Leandra abhole. Der Austausch mit anderen Müttern und Freunden hilft mir zu verstehen, dass es allen ähnlich geht, und nach schwierigen Tagen, an denen alles drunter und drüber geht, auch gute folgen. Nach einem Arbeits- und Kita-Tag beispielsweise sind sowohl ich als auch Leandra sehr müde; das können sehr herausfordernde Abende sein. Doch schliesslich sind auch solche Situationen wertvoll, denn wir lernen immer wieder etwas dazu. Eine der grössten Herausforderungen ist es, zwischendurch Zeit zu finden, in der ich und mein Partner als Paar unterwegs sind. Dafür ist die Entlastung durch Verwandte eine grosse Hilfe, und natürlich der gemeinsame digitale Kalender erleichtert die Planung beträchtlich.


Was wünschst du dir von Arbeitgeber und Gesellschaft, damit die Ausübung des Pflegeberufes neben der Mutterrolle «gut» umsetzbar ist?

Flexiblere Zeiten und anpassbare Betreuungspläne bei den Kitas wären ein grosser Nutzen für Personen, welche in Schichten arbeiten. Und, es wäre schön, wenn die Rolle des Vaters und die der Mutter vom Arbeitgeber und der Gesellschaft gleich gewichtet würde. Im Notfall ist es heute immer noch üblich und bei den Arbeitgebern selbstverständlich, dass die Mutter als Betreuungsperson einspringt. Diese Einstellung sollte heutzutage die Ausnahme und nicht mehr die Regel sein.

(Fotos im Beitrag z. V. gestellt)


Im letzten Interview unserer Trilogie porträtieren wir Sibylle: Sie übt zwei unterschiedliche Tätigkeiten in der Pflege aus und ist daneben auch Mutter. Wie sie mit ihren drei Rollen umgeht, erfährst du im dritten und letzten Interview im März.
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