Interview-Trilogie: «Mehrfachbelastung und Pflegeberuf»

Aktualisiert: 16. Feb.

Drei Pflege-Expertinnen – sieben unterschiedliche berufliche und private Tätigkeiten. Wie die drei Frauen im Alltag geschickt mit Doppelanstellung und/oder Familie umgehen und alles unter einen Hut bringen, erzählen sie der ALUMNI-Redaktion im Interview. Das erste Interview startet mit dem Thema «Doppelanstellung in der Pflege».


Melanie Aebischer, 30 Jahre jung, ist dipl. Expertin Intensivpflege. Sie hat vor dreieinhalb Jahren das NDS Intensivpflege am BZ Pflege absolviert. Ihre Ausbildung zur dipl. Pflegefachfrau am BZ Pflege in Thun liegt acht Jahre zurück. Sie entschliesst sich, ab anfangs Jahr in einem 90%-Pensum zwei verwandte und trotzdem unterschiedliche Tätigkeiten parallel auszuüben: zu 50% als Lehrperson mit Zusatzaufgabe LTT* Koordination am BZ Pflege (im Interview als «Lehre» bezeichnet) und zu 40% im Engeriedspital der Lindenhofgruppe in der Überwachungspflege (IMC/AWR) (als «Praxis» bezeichnet). Wie Melanie es schafft, beiden Seiten und sich selbst gerecht zu werden, erzählt sie der ALUMNI-Redaktion im Interview.

* LTT steht für: Abteilung Lernbereich Training und Transfer am BZ Pflege.


ALUMNI: Welchen organisatorischen Herausforderungen begegnest du in deiner Doppelanstellung? Was sind die Voraussetzungen, damit das Projekt nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch umsetzbar ist?


Mélanie: Die Ausübung der beiden Anstellungen bei einem 90%-Pensum, ist nur möglich, wenn die Praxis Rücksicht nimmt auf meine zwei fixen Arbeitstage an der Schule. Ich habe das Glück, dass wir als Team im Engeriedspital seit letztem Monat unsere Einsatzpläne selbst machen dürfen. Dies ist eine Pilotphase und vereinfacht mir sehr, beides unter einen Hut zu bringen. Ein gutes Einvernehmen und der Dialog mit der Praxisleitung sind für mich das A und O. Ausserdem führe ich akribisch genau eine digitale Agenda. Und dann gibt es noch ganz banale Schwierigkeiten wie den Ferienbezug, welcher an beiden Orten gleichzeitig möglich sein muss, oder die juristischen Rahmenbedingungen, welche bei der Planung zu berücksichtigen und einzuhalten sind. Wenn ich nämlich abends bis 23:00 Spätdienst habe, am nächsten Morgen aber bereits um 7:00 Uhr wieder am BZ Pflege die Arbeit aufnehme, liegen dazwischen weniger Ruhestunden, als bei einer Doppelanstellung juristisch vom Seco vorgeschrieben.


ALUMNI: Je nach Arbeitstag gilt es, dich auf unterschiedliche Arbeitgeberkulturen aber auch auf ein anderes Zielpublikum mit je anderen Ansprüchen und Bedürfnissen einzustellen. Wie erlebst du den Switch?

Den Berufsalltag am BZ erlebe ich als sehr breit gefächert: Da ist einmal die Rollenfindung gegenüber den Studierenden, eine Vorbildfunktion, welche auch durch die Ansprache mit dem «Sie» klar definiert ist. Dann gibt es zahlreiche administrative Aufgaben. Die Lehrfunktion ist an definierte Ziele und Verbindlichkeiten gebunden, welche sich an einem übergeordneten Lehrplan orientieren. Der Job in der Praxis dagegen ist sehr team- und abteilungsorientiert. Dort schätze ich die enge Zusammenarbeit im interdisziplinären Team wie auch mit den Patienten sehr. Auch, dass ich beim Job auf der IMC nie weiss, was mich in meiner Schicht erwartet: Wird es hektisch oder eher ruhig? Die Arbeit ist auf den Moment und die Abteilung IMC fokussiert. Jeder einzelne Arbeitstag ist am Ende der Schicht abgeschlossen. Der nächste beginnt mit dem Rapport wieder aufs Neue und endet beim Weggehen. Wir sind einen Tag als aufeinander eingespieltes Team für die Patienten unterwegs und helfen uns gegenseitig aus.


«So unterschiedlich beide Tätigkeiten auch sind, sie ergänzen sich auf ideale Weise: Was ich in meiner Tätigkeit in der Praxis erlebe, nehme ich mit und gebe es den Studierenden als Erfahrungswert weiter. In diesem Sinne ist auch der Switch zwischen den Patient*innen und den Studierenden einfach.»




ALUMNI: Gibt es in deiner Doppelanstellung auch Vorteile?


Absolut. Die Konstellation birgt für mich viele Chancen und Vorteile, welche ich nicht missen möchte: Ich kann zwei unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen, welche ich beide mit Herzblut ausübe. Eine Doppelanstellung ist horizonterweiternd. So lerne ich verschiedene, den Gegebenheiten angepasste Arbeitstechniken kennen. Der pädagogische Ansatz am BZ Pflege gestaltet sich nach meiner Praxistätigkeit «am Bett». Ich überbringe den Studierenden das Erfahrene aus der Praxis.


ALUMNI: Welche Tipps kannst du deinen Kolleginnen und Kollegen mitgeben, welche mit dem Gedanken spielen, sich zwei verschiedenen Jobs zu widmen?


Ich empfehle jeder und jedem, den Dialog zu pflegen und transparent gegenüber beiden Arbeitgebern zu sein. Ausserdem versuche ich mir immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass die Anpassung der Einsatzpläne der Team-Mitglieder an meine Bedürfnisse nicht einfach ist. Und wenn es zu Beginn nicht so läuft, wie geplant, sollte die Flinte nicht gleich ins Korn geworfen werden. Viel wichtiger ist es, den Dialog mit den Vorgesetzten zu suchen, um zusammen eine Lösung zu finden. Auf diese Weise profitieren alle Parteien.


ALUMNI: Was wünschst du dir von den Arbeitgebern oder der Gesellschaft, damit die parallele Ausübung zweier unterschiedlicher Jobs künftig einfacher wird?


Ich wünschte mir eine praktische Ausbildungsstation oder -abteilung, welche von Lehrpersonen, Berufs- und Praxisbildnern sowie Studierenden gemeinsam betreut würde. Auf diese Weise hätten die Lehrpersonen direkte Einsicht in das Wirken der Studierenden und letztere direkten Zugang zu den Lehrpersonen. Der Theorie-Praxis-Transfer wäre damit noch einfacher und optimaler zu gestalten. Eine Ausbildungsstation in der Praxis sozusagen – das ist meine Wunschvorstellung!


(Titelbild-Foto: Ruben Ung www.rubenung.ch; Fotos im Beitrag z. V. gestellt)

Weiter in der Interview-Trilogie geht es Ende Februar mit Viola Branch, dipl. Expertin Intensivpflege. Nach einer kurzen Babypause hat sie ihre Arbeit in der Intensivstation am Inselspital wieder aufgenommen. Wie es ihr in dieser Doppelrolle geht, erfährst du im zweiten Interview Ende Februar.
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